
Wäre dieser Text ein Schulaufsatz, müsste sich der Verfasser wohl den Vorwurf der Themenverfehlung gefallen lassen. Doch der Bitte der „Musikfreunde“-Redaktion, ein Porträt des Geigers Nikolaj Znaider zu zeichnen, der Edward Elgars Violinkonzert mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein zum Besten gibt, war diesmal nicht ohne Weiteres zu entsprechen. Die Ursache dafür ist Znaiders Vielseitigkeit. Sein offizieller Lebenslauf weist ihn schon längst nicht mehr ausschließlich als Geiger aus.
Noch bevor seine internationalen Erfolge als Solist Aufzählung finden – sein Triumph beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb im Jahr 1997 wird mittlerweile überhaupt ausgespart –, werden die Orchester aufgelistet, die er bereits geleitet hat bzw. in naher Zukunft dirigieren wird. Darunter befinden sich Klangkörper, die sich nicht gerade über eine schlechte Nachrede beklagen müssen, allen voran das Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg, die Staatskapelle Dresden, die Tschechische Philharmonie, die Münchner Philharmoniker und das Los Angeles Philharmonic.
Innere Notwendigkeit
Es ist also nicht weiters verwunderlich, dass bei einem kurzen Telefongespräch mit Znaider die Geige unversehens ins Hintertreffen gerät. Solisten, die sich dem Taktstock hingezogen fühlen, sind an sich keine Seltenheit, mit 34 Jahren schickt sich Znaider aber doch deutlich früher als andere an, die Konzertsäle als Dirigent zu erobern. Dieser Schritt, der, wie er betont, weder mit einer Abwendung von seinem Instrument noch mit einem Profilierungszwang zu tun habe, sei eine innere Notwendigkeit gewesen: „Ich musste einfach anfangen zu dirigieren, ich wollte mich immer schon mit mehr Repertoire befassen, als mir als Geiger zur Verfügung steht.“ Die Repertoireerweiterung sei immer auch eine Horizonterweiterung, Schritt für Schritt wolle er das weite Feld der Musik durchmessen, wobei ihm ein großer Bildungsdrang auch außermusikalische Zusammenhänge erschließt. Auf der Geige fühlt sich der Virtuose aber nicht nur bezüglich des Repertoires eingeschränkt, auch im Ausdruck eröffnet ihm das Dirigieren neue Möglichkeiten: „Als Dirigent habe ich gelernt, besser zuzuhören und folglich auch besser zu musizieren als zuvor, weil ich nicht mehr so stark in der Materie des Instruments verwurzelt bin.“
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Mag. Markus Siber ist Kulturjournalist und Mitarbeiter des Festivals „Carinthischer Sommer“ in Ossiach und Wien. Friday, 28. May 2010
Markus Siber
Wiener Philharmoniker
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