

Im ersten Entwurf ihrer Statuten bezeichnete sich die Gesellschaft der Musikfreunde noch als "Dilettantenverein". Damit war beileibe nichts Negatives gemeint. Denn "Dilettanten" waren Musikfreunde, die sich aufs aktive Musizieren verstanden. Das schloß "professionelle" Leistungen nach damaligem Verständnis nicht aus.
Viele "Dilettanten" waren bestens ausgebildet und verfügten über reichlich praktische Erfahrung. In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des Musikvereins gaben denn auch die "Dilettanten" den Ton an. Im Orchester spielten Laien, unterstützt von Berufsmusikern - allen voran den Professoren des Konservatoriums. Im Chor erhoben Amateure ihre Stimme, geschult durch eine Chorübungsanstalt, die zunächst kein Geringerer leitete als Antonio Salieri.
Mitte des 19. Jahrhunderts wendete sich das Blatt. Als die Wiener Philharmoniker 1842 ins Wiener Konzertleben eingriffen, wurden auch im Musikverein andere Maßstäbe angelegt. Schon 1851 bestimmten die Statuten, daß dem "Vordrängen des bloßen Dilettantismus" Schranken gesetzt werden müßten.
Die Orchesterkonzerte der Gesellschaft sollten von nun an nur noch von professionellen Musikern gespielt werden. Dass diese Berufsmusiker dann oftmals aus den Reihen der Philharmoniker kamen, ja daß die Philharmoniker manchmal geschlossen als Gesellschaftsorchester spielten, zählt zu den Kuriositäten der nächsten Jahrzehnte.
Doch wie auch immer, ob mit oder ohne Philharmoniker: Noch bis zur Jahrhundertwende präsentierte die Gesellschaft ein professionelles Orchester unter ihrem Namen. Erst 1900 änderte sich die Situation.
In diesem Jahr nämlich wurde das erste reine Konzertorchester Wiens gegründet: der Wiener Concert-Verein, aus dem die Wiener Symphoniker hervorgingen. Der Concert-Verein, der sich rasch zu einem international gefeierten Spitzenorchester entwickelte, übernahm nun die Gesellschaftskonzerte.
Noch heute spielen die Wiener Symphoniker die meisten Symphoniekonzerte im Programmangebot des Musikvereins. Als drittes Wiener Orchester gestaltet inzwischen auch das Radio Symphonieorchester Wien Abonnementkonzerte im Musikverein. Zu den heimischen Eliteorchestern kommen die besten Ensembles aus aller Welt. Schließlich versteht es sich von selbst, dass die berühmtesten Orchester der Welt leidenschaftlich gerne im Musikverein Station machen.
Trotz alledem ist die Gesellschaft der Musikfreunde der Idee des "Dilettantenvereins" treu geblieben. Denn noch immer gibt es ein Amateurorchester unter dem Dach des Musikvereins, den Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde.
Auch der weltbekannte Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde, 1858 als Zweigverein gegründet, ist nach wie vor ein Amateurchor. Gleichwohl zählt er bis heute zu den besten Konzertchören der Welt. Ein Beweis dafür, wie ernst es die Musikfreunde noch immer mit dem Musizieren nehmen.
Das Konzertleben ist internationaler, weltoffener geworden. Das zeigt sich im Musikverein auch bei den Dirigenten. Gab es früher einen fix engagierten Dirigenten, der als "artistischer Direktor" das künstlerische Profil des Hauses prägte, so ist es heute eine ganze Gruppe internationaler Spitzendirigenten, die den Konzerten im Goldenen Saal Glanz verleiht.
Herbert von Karajan war der letzte Konzertdirektor der Gesellschaft - und damit Träger eines großen Erbes. Zu seinen Vorgängern zählten Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Löwe und Franz Schalk, Hans Richter und Johann Herbeck, Anton Rubinstein und - Johannes Brahms.
Drei Jahre lang, von 1872 bis 1875, leitete Brahms die Gesellschaftskonzerte im Großen Musikvereinssaal. Internationalität heißt nicht Beliebigkeit, schon gar nicht im Musikverein. Denn auch in einer bewegter gewordenen Musikszene gibt es Dirigenten, die dem Musikverein besonders eng verbunden sind.
Unter ihnen sind vor allem jene zu nennen, die in den letzten Jahren Ehrenmitglieder der Gesellschaft der Musikfreunde geworden sind:
Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Carlo Maria Giulini, Horst Stein, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt und Riccardo Muti. Sie alle verbindet die Liebe zum Musikverein.
Sie alle haben erlebt, was Bruno Walter einst mustergültig formulierte: "Es war für mich eine unvergeßliche Erfahrung, als ich hier ... das erste Mal dirigierte. Ich habe bis dahin nicht gewußt, daß Musik so schön sein kann."